Rückstoß reduzieren

Tritt eine Waffe im Schuss zu stark, sind Fehlschüsse die Folge. Der Spaß am Schießen ist mit einem „tretenden Pferd“ schnell verflogen. Doch es gibt Möglichkeiten, den Rückschlag zu reduzieren.

Foto: Hans Jörg Nagel
Markus Lück
Langsam zieht der Bock auf die Freifläche. Der passt! Das Absehen steht wie festgesaugt kurz hinter dem Blatt. Der Finger am Abzug, des 2,7 Kilogramm leichten Repetierers
im Kaliber 8 x 68S krümmt sich — Rumms. Ein gewaltiger Ruck rüttelt den nur mit einem dünnen T-Shirt bekleideten Körper durch. Die Schulter schmerzt, und Schweiß fließt in Strömen. Doch nicht beim Bock, denn die Kugel ging vorbei! Der Schütze ist „getroffen“. Eine halbkreisförmige Platzwunde klafft über dem Auge des Jägers. Mit einer schweißenden „Magnumbrille“ geht der Schütze an diesem Abend als Schneider nach Hause:  Verdammter
Rückstoß!“ So untrennbar wie der Schlüssel zum Schloss gehört auch der Rückstoß zum Schuss. Verantwortlich dafür ist das physikalische Prinzip actio = reactio. Das Geschoss
und die antreibenden Gase erzeugen während des Schusses einen Impuls, der in Richtung
Laufmündung geht (actio). Gleichzeitig tritt ein Gegenimpuls auf, der in umgekehrte Richtung wie der Impuls wirkt — der Rückstoß (reactio). Im günstigsten Fall schießt
sich ein Waffe butterweich, im schlimmsten tritt sie wie ein Pferd. Schlechte Treffer bzw. das Fehlen des Ziels sind dann die Folge. Fürchtet sich der Schütze vor jedem Schuss und wartet förmlich auf den bösen Schlag von vorn, ist ein sauberer Schuss unmöglich — Schussangst breitet sich aus. Ob sich eine Waffe angenehm schießt oder nicht, hängt von verschiedenen Komponenten ab. Beachtet der Jäger beim Waffenkauf einige Dinge, kann er das maßgeblich beeinflussen. Doch auch bei einer vorhandenen Waffe gibt es Abhilfe, wenn sie zu stark auskeilt. Eine der ersten Dinge, die überprüft werden sollten, wenn sich eine Waffe unangenehm schießt, ist ein korrekter Anschlag und damit untrennbar verbunden
der Schaft der Waffe. Dieser sollte eine unverkrampfte Schießhaltung des Schützen ermöglichen. Die Auflagefläche des ohnehin schmalen Schaftes auf der Schulter sollte möglichst groß sein. Je größer die Auflagefläche, desto angenehmer ist der Schuss.

Auf die Fläche kommt es an
Ein guter Vergleich ist die Wirkung eines Damenschuhs mit Pfennigabsatz im Unterschied zu einem Schuh mit breiter Sohle. Während bei einem „normalen“ Schuh keine Schäden am Parkett entstehen lastet bei einem Pfennigabsatz das Körpergewicht auf einer sehr kleinen Fläche — einprägsame Druckstellen sind die Folge. Um das Schießen angenehmer
zu machen, ist die Verwendung einer weichen Schaftkappe eine weitere Möglichkeit. Durch Verformung beim Schuss absorbiert sie einen Teil des Rückstoßes, der dann nicht mehr auf die Schulter drückt. Genauso wirken auch Schulterpolster, die in der Kleidung untergebracht sind. Liegt der Schaft auf einer solchen Auflage auf, wird die Rückstoßkraft auf das Polster übertragen. Das verformt sich und macht das Schießen wie die Schaftkappe angenehmer. Wer nicht gleich zu einer Polsterung greifen will, kann auch auf dickere Kleidung setzen — ein Wollpullover zahlt sich schon aus. Hat man eine Waffe, die zu
stark tritt, ist der Einbau eines Kickstops  eine weitere Möglichkeit um den Prügel zu zähmen. Kickstops sind mit Bleikugeln bzw. Wolframgranulat gefüllte Metallrohre, die sowohl in den Hinter- als auch Vorderschaft eingebaut werden. Sie bewirken zum Einen, dass das Gewicht der Waffe erhöht wird. Das hat entscheidenden Einfluss auf den
Rückstoß Denn je höher das Waffengewicht, desto angenehmer lässt sich damit schießen.

Die Öffnungen in Mündungsbremsen
leiten die Pulvergase seitlich
und in Schützenrichtung um
Werksfoto
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Kurze Läufe keilen gern
Deshalb ist jedem Neuwaffenkäufer, entgegen des Trends, davon abzuraten, eine Waffe mit kurzem Lauf zu kaufen. Stummelläufe erhöhen zwar die Führigkeit einer Waffe, sie reduzieren aber das Gewicht und steigern damit den Rückschlag. Nebenbei kommt es bei
ungeeigneter Kaliberwahl aus kurzen Läufen auch zu Präzisionsproblemen. Die zweite Wirkungsweise eines Kickstops liegt in der Beweglichkeit der Metallfüllung. Bedingt durch Masseträgheit bewegen sich die Kugeln bzw. das Granulat beim Rückstoß innerhalb
der Waffe verzögert. Dadurch wird der Rückschlag zusätzlich reduziert. Das Prinzip ist vergleichbar mit der Bewegung einer Flüssigkeit, die sich im Tank eines Fahrzeugs befindet. Bremst es ruckartig ab, bewegt sich die Flüssigkeit verzögert. Eine weitere Möglichkeit, um das Schießen angenehmer zu machen, ist der Anbau einer  Mündungsbremse. Laut Herstellerangaben reduzieren die durchlöcherten Metallrohre an der Laufmündung den Rückstoß um bis zu 50 Prozent. Der Markt bietet sowohl permanent-montierte als auch abschraubbare bzw. verschließbare Modelle. Doch eines haben alle gemeinsam: Das Wirkprinzip.
Gebremst wird durch Umleitung der Pulvergase an der Laufmündung. Bohrungen bzw. in
manchen Mündungsbremsen Schlitze leiten die sich in Richtung Laufmündung bewegenden
Gase mindestens rechtwinklig zum Lauf um. Um den Bremseffekt weiter zu erhöhen, müssen die Pulvergase in Richtung des Schützen geleitet werden. Je flacher der  Umleitungswinkel nach hinten, desto stärker wirkt die Bremse. Das Wirkprinzip einer Mündungsbremse ist vergleichbar mit dem Effekt, wenn man einen mit Luft gefüllten Ballon an der Öffnung loslässt. Das komprimierte Gas entweicht, und der Ballon fliegt durch den Raum. Der Raketeneffekt bewirkt, dass sich der Ballon durch die entweichende Luft „abdrückt“. Bei einer Mündungsbremse wirkt der Raketeneffekt ebenso. Die Gase und damit die Waffe drücken sich „nach vorne“ ab. Weitere Gemeinsamkeit der Mündungsbremsen: Werden sie verwendet, ist Gehörschutz Pflicht! Die Umleitung der Pulvergase verstärkt den Schussknall erheblich. Nicht nur der Schütze selbst, auch Personen in unmittelbarer Umgebung, wie Jagdführer oder -begleiter, sind gefährdet.
So kommt es teilweise vor, dass Jagdführer im Ausland die Verwendung einer Mündungsbremse verbieten. Aber aufgepasst: Durch die Gasumleitung können Kleinteile
wie Steine oder Äste aufgewirbelt und mit hoher Geschwindigkeit in Richtung des Schützen katapultiert werden. Das Tragen einer Schutzbrille ist empfehlenswert. Das wichtigste Mittel zur Rückstoßreduzierung ist die Kaliber- und Geschosswahl. Was nützt dem Jäger ein starkes Kaliber, wenn er es nicht braucht oder damit nicht trifft, weil er muckt? Kaliber wie 7 x 57 oder .308 Winchester reichen für alle in Deutschland vorkommenden Wildarten
aus und sollten auch von jedem Jäger beherrscht werden können. Weniger ist hier ganz klar mehr! Auch die Geschosswahl beeinflusst den Rückstoß Bei gleicher Mündungsenergie ist der Rückstoß mit einem leichten Geschoss geringer als mit einer schweren Laborierung. Falls nicht unbedingt benötigt, sollte der Jäger auf leichtere Geschosse zurückgreifen,
das macht das Schießen angenehmer! Egal ob dicke, starke Pille oder kleiner, schneller Flitzer, das gewählte Kaliber muss zu den jagdlichen Anforderungen passen. Tritt die Waffe dann immer noch zu stark, kann man sie mit den beschrieben Methoden zähmen,
um den Spaß am Jagen zu behalten.

Anmerkung der Redaktion: Da mittlerweile in einigen Bundesländern Schalldämper genehmigt werden, sind diese für die Minderung des Rückstoßes ebenfalls ein probates Mittel.

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